Suppenabkellerteil

››Gegen die, welche die Bombe verwalten sind‹‹, nach einem Wort Adornos, ››Barrikaden lächerlich‹‹, wie Flugblätter am Fabriktor gegen die Bewußtseinsindustrie. In solchen Feststellungen steckt die ganze Ambivalenz der kritischen Theorie. Sie ist sowohl das Bewußtsein der Umwälzungsbedürftigkeit der Verhältnisse als auch das Bewußtsein von der Übermacht, die dem entgegensteht - und daher unweigerlich mit seelischen Wechselbädern verbunden, die nicht jedem bekommen. Schwer vorstellbar, daß nicht auch Horkheimer und Adorno in stillen Stunden von dem Gedanken beschlichen wurden, die Verhältnisse seien gar nicht so übermächtig, wie sie immer meinten. Daß Marcuse in späten Jahren solche Anwandlungen hatte, ist aktenkundig. Er setzte dann etwas vorschnell auf radikale Kunst, gewisse Randgruppen oder Feminismus revolutionäre Hoffnungen, die mit seiner eigenen Gesellschaftsanalyse so recht nicht übereinstimmten. Nur sollte man darüber nicht wiederum vorschnell den Stab brechen. Der Wunsch, Unrecht zu haben, gehört in gewisser Weise zum innersten Antrieb kritischer Theorie. Sie benennt die Härte und Unbiegsamkeit der Verhältnisse, damit sie nicht das letzte Wort behalte. Sie stellt die Diagnose ››unheilbar‹‹, damit sie eines Tages falsch werde. Ohne diesen Wunsch wäre sie fatalistisch, nicht mehr kritisch. Aber sobald sie ihm nachgibt, sich durch ihn die Diagnose rosa färben läßt, ist sie auch nicht mehr kritisch, hält sie nicht länger der Praxis die Tür offen, die ihn einzig erfüllen könnte. Paradox: Sie zehrt von einem Wunsch, dem sie gleichwohl nicht willfahren darf. Ihre intellektuellen Anforderungen sind auch noch mit der Zumutung verbunden, diese Ambivalenz auszuhalten. Sie ertragen lernen - und zwar massenhaft - ist unerläßliche Bedingung ihrer Überwindung: seelische Eignungsprüfung für Revolutionäre heute.

— Christoph Türke (1989): Habermas oder Wie kritische Theorie gesellschaftsfähig wurde, in: Bolte, Gerhard (Hg.): Unkritische Theorie. Gegen Habermas, Lüneburg, S. 28. (via hintergrundrauschen)